Rekordmarke geknackt

Mit einer Zeit von 1:33,277 Minuten hat das Forschungs- und Entwicklungsfahrzeug „Step-1“ den seit Oktober 2013 bestehenden Streckenrekord eines LMP2-Prototypen am Bilster Berg um mehr als eine Sekunde unterboten.

Sportprototype Team Engineering Project-1

Im Jahr 2013 setzte das Schweizer Rennteam „Race Performance“ in einem Oreca-Judd-03-Le Mans Prototypen (LMP2) auf der neu eröffneten Teststrecke des Bilster Bergs eine eindrucksvolle Messlatte: mit einer Zeit von 1:34,7 Minuten brach das Fahrzeug den Streckenrekord. Der lag vormals bei 1:36 Minuten und wurde vom deutschen Rennfahrer Thomas Mutsch in einem Audi R8 LMS Ultra GT3-Sportwagen aufgestellt.

Eine illustre Runde also für Michael Kerber und sein „Sportprototype Team Engineering Project-1“, kurz Step-1. Der MiKar C301B-Prototyp nach FIA-Homologation E2/SC gehört auf der Rennstrecke nicht zu den typischen Wettbewerbern der vorgenannten Autos. Fahrzeuge nach dem E2/SC-Reglement werden vor allem auf winkeligen Passagen europäischer Bergrennen verwendet, während der LMP2-Rennwagen und der Audi-Sportwagen auf langen Grand-Prix-Kursen auf hohe Geschwindigkeiten ausgerichtet sind.

Bei der reinen Leistungsschau könnte der Unterschied zwischen den Rennwagen kaum größer sein. Während der Oreca 03-LMP2 einen BMW-Judd-Motor mit 3,6 Liter Hubraum besitzt und rund 460 PS produziert, arbeitet im MiKar C301B-Prototyp ein 2,0 Liter Vierzylinder 16V-Spiess-Motor auf Basis des VW/Audi-Aggregats aus der Formel 3-Serie. Dieser leistet rund 280 PS und bewegt ein Leergewicht von 585 Kilogramm. Der Oreca 03-LMP2 wiegt reglementskonform 900 Kilogramm.

Das Gewicht statt Leistung im Rennsport der entscheidende Faktor für den Kampf um Sekundenbruchteile darstellt, wird am 9. April 2016 deutlich. An dem Tag macht sich das Team um Michael Kerber daran die neuesten Entwicklungsteile im Prototypen auf der Teststrecke des Bilster Berg zu testen. Was wie ein ganz normaler Testtag begann, sollte mit einer großen Überraschung enden. Vollgestopft mit Messelektronik, einem vollen Tank und Rennfahrer Sven Barth am Steuer spulte das Team Runde um Runde auf der Strecke ab. 19 Kurven, 44 Kuppen und Senken sowie ein Gefälle von 26 Prozent und Steigungen von bis zu 21 Prozent charakterisieren die Strecke im Teutoburger Wald in der Nähe von Bad Driburg. Bei einem kumulierten Höhenunterschied von gut 200 Metern und einer Gesamtlänge von 4,2 Kilometern pro Runde erhalten die Techniker einen guten Querschnitt über die tatsächliche Leistung des Rennfahrzeugs. Entwicklungsfortschritte können auf der Teststrecke am schnellsten festgestellt werden.

„Im Testprogramm war der Rekordversuch gar nicht vorgesehen und wir haben uns erst spät am Nachmittag entschieden einen Versuch zu wagen“, sagt Michael Kerber. Der Ingenieur und Initiator des Step- 1-Projekts ist ein erfahrener Techniker. Ruhig und konzentriert steht Kerber am Streckenrand und beobachtet den Zeitenmonitor. Kurz und knapp erfolgen seine Anweisungen an die Boxencrew das Fahrzeug für einen Zwischenstopp wieder reinzuholen, den Reifenluftdruck zu prüfen, die Laptops an die Fahrzeugelektronik anzuschließen oder den Heckflügel um wenige Grade mehr in den Wind zu stellen.

Doch im Laufe dieses Testtags verändert sich sein Blick. Obwohl Kerber als Rennfahrer unzählige Rennen in seinem Leben selbst bestritten hat, wird er zunehmend nervöser. Sven Barth sitzt hinter dem Steuer des MiKar C301B-Prototypen und nähert sich stetig der Rekordmarke des Oreca-Judd-LMP2. Plötzlich und unspektakulär bleibt die Uhr bei 1:33,707 Minuten stehen. Der selbst entwickelte Prototyp des Step-1-Netzwerks hat tatsächlich die neue Bestmarke auf dem Bilster Berg gesetzt.
„Mit dieser Bestzeit hat unsere Netzwerk-Idee und -Initiative einen echten Meilenstein erreicht, der das gut verzahnte Zusammenspiel des gesamten Teams dokumentiert“, so Kerber begeistert.

Und damit nicht genug. Auch der 20. Mai 2016 wird in die Geschichtsbücher des Projekts eingehen. Trotz Zusatzgewicht zahlreicher Messinstrumente, vollem Tank und neuen Reifen von Pirelli gelingt es Barth den Rundenrekord auf 1:33,277 Minuten zu senken. Die Runden vorher spielte sich an der Boxenmauer ein wahrer Krimi ab, die Zeiten sackten unaufhaltsam und mit leerer werdendem Tank abwärts.
Am Ende war es Kerber selbst der die Rekordhatz abbrach. Sicherheit geht vor. „Wir wollten eigentlich Langstreckenrunden drehen und die Zuverlässigkeit des Gesamtfahrzeugs austesten - mit einem neuen Rekord hat keiner gerechnet“.

„Wir haben noch Potenzial und könnten budgetabhängig sicher noch rund 55 Kilogramm ausladen, womit bestimmt noch mal 1,5 Sekunden drin wären.“ Ob der konsequente Einsatz des Werkstoffs Karbon oder die Gewichtsreduktion vieler Einzelkomponenten: das von Zulieferern und Engineering-Unternehmen getragene Projekt sieht noch zahlreiche Ansatzpunkte für kleine und größere Optimierungsmaßnahmen.
Man darf gespannt sein wie es weiter geht.

Text: Wolfgang Sievernich

Technische Daten > MiKar C 301 B


Chassis
Stahlrahmen mit eingepassten, verklebt und genieteten Alu - Sandwichmodulen als Schubfelder ( Konzept Heggemann, 83 Kg )


Motor
2 Ltr. 4 Zyl 16V Spiess Motor auf Basis VW/Audi F-3 mit ca. 285 PS Leistung bei max. 8500 min-1, Motorsteuerung Bosch MS4 Sport


Getriebe
Drexler F3 6 – Gang sequentiell mit Trockensumpf und einstellbarem Differential Paddelshift – System von Megaline


Kupplung
2 – Scheiben Sinter von Tilton


Fahrwerk
Double - Wishbone v/h mit Pushrods und in Z/D einstellbaren KW – Dämpfern incl. Federweg- aufnehmer ( Fa. Variohm )


Räder / Reifen
9,0 x13 // 10,5 x 13, 210/550 -13 250/570-13


Lenkung
Fa. Titan, mechanisch mit i = 12,2 ( L / Rad )


Bremse
Brembo F-3, 4–Kolben ringsum


Tank
FIA, Fa. ATL, ca. 40 Ltr. Vol.


Elektronik
ITK-engineering – Entwicklung für Bussystem samt CAN – Verteiler, MWA´s, ECU und Display Dashboard


Bodywork
Cfk, Gfk, Wabenstrukturen, abhängig von Festigkeitsanforderungen


Aero
> 4 eff. ( gerechnet nach cfd )


Radstand
2665 mm


Spurweite
1570 / 1550 mm


L / B / H
4320 / 1850 / 1020 mm


Gewicht
ca. 575 Kg


Einsatzgebiet
nationale / internationale Berg- und Rundstreckenrennen